Wie sieht die Gegenwart aus?

Tatsächlich haben viele Softwareunternehmen ein relativ großes Callcenter. Darin kümmern sich die Supporter am Telefon rührend um die Hilfesuchenden. Der Schulungsraum ist immer ausgebucht und viele Supporter bieten Schulungen beim Kunden vor Ort an. Warum sollten Geschäftsführungen also Ausgaben tätigen, wenn die Kasse schon so richtig klingelt? Mark Bakers Antwort auf die Fragestellung, warum man in die Dokumentation investieren soll, brachte das zum Ausdruck, was Technische Redakteure schon immer geahnt haben: Es gibt keine Statistik, die zeigt, dass Softwareunternehmen mit rudimentärer Dokumenation geringere Gewinne erwirtschaften als Unternehmen mit gut dokumentierten Produkten!

Mark Baker erklärt, warum es so wichtig ist, in der Sprache derer zu reden, die wir erreichen wollen: nämlich die Geschäftsführung eines Unternehmens sowie sämtliche Mitarbeiter ausserhalb der Technischen Dokumentation! Was machen jedoch wir Rekateure? Wir behaupten, dass nur wir die Sprachgewandtheit haben, komplizierte Dinge und Abläufe prägnant in Anleitungen zu formen und zu kommunizieren. Und prompt müssen wir erfahren, wie plötzlich der Gesprächspartner den Umkehrschluß zieht und erbost reagiert: “Heißt das, alle anderen können das nicht?!”.


Abbildung 1. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Dokumentation von allen gefunden werden kann.

Sämtliche Mitarbeiter erwarten von der Geschäftsführung, dass das Unternehmen Gewinne erwirtschaftet. Und das tun die meisten Softwareunternehmen. Wenn wir also mehr Engagement des Unternehmens in die Dokumentation einfordern, kann die Fragestellung nur lauten: Wieso sollten trotz Unternehmensgewinn Ausgaben in die Technische Dokumentation fließen? Es wird sehr schwer werden, dies mit Zahlen zu untermauern.

Das Wort Mitarbeiter verdient noch nähere Betrachtung, denn tatsächlich beklagen meistens festangestellte Redakteure, dass an der Dokumentation im Unternehmen gespart wird. Freiberufler beklagen dies viel weniger. Zeitarbeiter und Redakteure mit befristetem Arbeitsvertrag habe ich noch nie über den geringen Stellenwert der Dokumentation klagen hören. Es ist schon ein Paradoxon: Die Unternehmen, die den Redakteuren eine Festanstellung bieten, geben das meiste Geld für die Dokumentation aus. Doch genau diesen Redakteuren bleibt es vorbehalten, über die Wichtigkeit der Dokumentation im Unternehmen nachzudenken. Womöglich läßt sich dieses Nachdenken auch als Privileg betrachten?

Ich präzisiere also: So lange es festangestellten Redakteuren nicht gelingt, mit Kennzahlen den Vorzug eines Investment in die Dokumentation zu belegen, wird sich im Unternehmen nichts ändern, denn Geschäftsführungen sind dem gesamten Unternehmen gegenüber verpflichtet. Wenn wir Redakteure also in Kategorien der Dokumentation laut nachdenken, erhält die Geschäftsführung eine Rückmeldung dergestalt: Hey, wir haben genau die richtigen Redakteure eingestellt! Sie haben Berufsehre und bügeln die größten sprachlichen Patzer der Softwareentwickler und Supporter wieder aus!

Natürlich sollen Redakteure weiterhin für eine hilfreiche Dokumentation einstehen. Es gibt im Unternehmen jedoch weitere Betätigungsfelder, die eigentlich nur sie besetzen können. Nachfolgend einige Vorschläge.