Die Vergottung der Macht

Die Sprache der Macht innerhalb totalitärer Staaten wird oftmals als Propaganda etikettiert. Doch so einfach ist es damit nicht getan:

In Diktaturen dominiert der direktive Sprachmodus mit Anordnung, Befehl und Drohung. Selbst der Gestus der Propaganda ist zwar auf der Oberfläche persuasiv, in der Substanz aber direktiv. Denn für Machterhalt, der sich auf Gewaltmittel stützt, ist es unerheblich, ob Propaganda die Menschen wirklich überzeugt. Wichtiger ist, dass die eigene Ideologie- und Propagandasprache in der öffentlichen Kommunikation monopolisiert und zum Zulassungskriterium für Karrieren wird. [2]

Die Propaganda-Sprache gab ein einfaches Orientierungssystem ab: wer sie gebrauchte, glaubte entweder daran und war demzufolge einfach gestrickt, oder er gebrauchte sie mit Kalkül. In beiden Fällen war der Umgang mit diesen Menschen gefährlich.

In seinem Essay Die Kunst des Romans beschäftigt sich Milan Kundera mit den Romanen Kafkas. “Kafkas erste Interpreten haben seine Romane … als religiöse Parabeln gedeutet.” Dem wiederspricht er, um fortzufahren:

… trotzdem aufschlußreich: überall, wo die Macht sich vergottet, schafft sie sich automatisch eine eigene Theologie; überall, wo sie als Gott auftritt, ruft sie religiöse Gefühle wach; die Welt kann mit einem theologischen Vokabular beschrieben werden. [1]

Der Begriff Solidarität war ein wesentlicher Terminus in der Theologie des SED-Regimes. Wer erst einmal an das SED-Regime und dessen Theologie glaubt, braucht keine Objekte wie Mit wem übe ich Solidarität? und In welcher Angelegenheit? Nichtgläubige haben diese Angaben schmerzlich vermißt, denn so ein erlerntes Sprachgefühl sitzt tief. Wer Solidarität sagt, muss auch sagen, mit wem diese geübt werden soll. Alles andere ist Theologie und zeugt genau von der Abwesenheit von Solidarität.

Wikipediaeintrag
Abb. 1. Den Wikipedia-Eintrag zur Solidarität schmückt eine fragwürdige Briefmarke

Aber auch mit nachfolgenden Objekten ist der Gebrauch von Solidarität fragwürdig. Ulrich von Alemann polemisiert:

Zugegeben: Ich will Streit anfangen. Und das über eine heilige Kuh, die Solidarität. Denn ich kann es einfach nicht mehr ertragen. Die Sache an sich sicher - sie ist weiterhin aller Ehren wert -, aber das Wort ist bis zur Unkenntlichkeit abgegriffen. Die ehemals heilige Kuh der Arbeiterbewegung hat ihre eingezäunte Weide verlassen, steht überall herum und glotzt einen mitleidheischend an: Seid solidarisch, bitte! [3]

Begriffe verbrauchen sich, nutzen sich ab, werten sich um, werden umgewandelt und abgewertet. Sie leben: Und deshalb dürfen sie auch sterben, erlöst nach langer Bedeutungsschwindsucht. Die staatliche Verordnung von Solidarität hat dem Begriff endgültig den Todesstoß gegeben. Solidarität übt jetzt endlich jeder Steuerzahler. Denn sie erscheint als steuerliche Zwangsabgabe zur Finanzierung der deutschen Einheit monatlich auf unserem Gehaltszettel. [3]

Heutzutage läßt sich Machtausübung nicht mehr so leicht an plumper Sprache ausmachen. Dies ist jedoch ein anderes Thema. Doch wie groß muss die Verachtung der noch lebenden Nichtgläubigen sein, wenn jemand die Sprache der Vergottung nutzt - und sei es nur aus Unwissenheit?

Quellen

  • [1] Milan Kundera, Die Kunst des Romans, Frankfurt am Main 1989, S. 112
  • [2] Josef Klein, Sprache und Macht, in: APUZ (Aus Politik und Zeitgeschehen) 8/2010, Bonn 2010, zum Link
  • [3] Ulrich von Alemann, Solidarier aller Parteien - verschont uns! Eine Polemik, Bonn 1996, Gewerkschaftliche Monatshefte 11-12/1996, S. 756, zum Link