Jurek Becker: Schlaflose Tage

Kapitel 4 - Abschnitt 01 Der Lehrer für Deutsch und Geschichte Karl Simrock “verspürt wenige Wochen nach seinem sechsunddreißigsten Geburtstag, während einer Unterrichtsstunde,… zum ersten Mal im Leben sein Herz.”1(7).

Die Furcht, herzkrank zu sein, hatte sich zwar mit erfreulicher Geschwindigkeit verloren, dafür gewann ein Begleitumstand an Bedeutung: Simrock fühlte sich zum ersten Mal daran erinnert, daß sein Leben nicht ewig dauern werde. (24)

Bis zu jenem Herzschmerz verlief Simrocks Leben in geregelten Bahnen und der geübte Leser erkennt sofort die Symptome der Identitätskrise, den Auslöser für die ‘midlife-crisis’. Bei Simrock bewirkt jener Schmerz eine Welle des Selbstmitleides, als er im Radio von den schwarzen, farblosen Träumen einer blinden Frau erfährt. Er weint Tränen der Rührung. “Er versuchte sich vorzustellen, wie anders er gestern noch auf solche Radiosendung reagiert hätte…” (14) Für Monate sollte dieser Ausbruch von Selbstmitleid, der auch von Simrocks Frau mit ihrem Hinweis auf fünf eigener solcher Herzattacken ihrerseits nicht verhindert werden kann, die einzige Veränderung sein. Simrock wird eingeführt als ein sich ständig beobachtender Mensch, alles bedenkend und analysierend. So weiß er gleich die Träume der Blinden lediglich als Auslöser und nicht Ursache seiner Rührung zu diagnostizieren. Bei der Nachricht, seine Freundin Antonia im Gefängnis besuchen zu können, erfährt das Verhältnis von spontanen Gefühlen und Ratio beinahe schizophrene Züge: “Nachdem er den Brief aus der Hand gelegt hatte, war sein erster Gedanke: Die Freude, die ich gleich empfinden werde!” (135)

4-02 Dem Leser wird es nahezu unmöglich gemacht, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren. Zum einen sind es die dargestellten Eigenschaften Simrocks wie z. B. seine ‘Kopflastigkeit’. Wenn er zur Tochter mit einem ‘Auftrag’ im Hinterkopf geht, der da lautet: “Jedes Gefühl von Einsamkeit ersticken, zweitens den Durst des Kindes nach Geborgenheit stillen, schließlich für jede Art der Kommunikation zur Verfügung stehen…” (12), dann hinterläßt dies beim Leser den Eindruck von Gefühlskälte und Beziehungsunfähigkeit seitens Simrocks. Die “Fröhlichkeit” im Simrock´schen Schlafzimmer basiert auf einer “Ordnung” (15), die die “störenden Gefühle” unterdrücken helfen soll. Eine “Ungesetzlichkeit” konnte vom anderen “auswendig beziffert werden”.

4-03 Zum anderen ist es die Struktur des Romans, in der eine Identifikation mit dem Protagonisten nicht erklärtes Ziel ist. Es erzählt ein personaler Erzähler. Innen- und Außenperspektive wechseln: “Nach dem er den Brief aus der Hand gelegt hatte… “ ist Außenperspektive, danach wechselt die Perspektive (s. S. 30). Doch als eine Haupttendenz der personalen Erzählsituation markiert Franzel den Modus Reflektorfigur - im Gegensatz zur Erzählerfigur. Simrock ist zu großen Teilen Reflektor, - der personale Erzähler tritt zurück.

Der epistemologische Unterschied zwischen einer Geschichte, die durch eine Erzählerfigur mitgeteilt oder durch eine Reflektorfigur präsentiert wird, liegt in der Hauptsache darin, daß sich die Erzählerfigur immer bewußt ist, daß sie erzählt, während eine Reflektorfigur solches Bewußtsein völlig fehlt.2

Wolfgang Wülff hatte das Erzählte bereits ‘bewältigt’ und erzählt in einer überschaubaren und geordneten Weise. Simrock als Reflektor steht in “keinerlei persönlichem Verhältnis zum Leser, er ist daher auch nicht gehalten…, sich oder dem Leser Rechenschaft darüber zu geben, was von seinem Bewußtsein registriert und was nicht wahrgenommen wird.”3

Diesem Prinzip entsprechend erzählt der Erzähler (mit Außenperspektive) nur die Episoden und Ereignisse, die für Simrocks Erkenntnis- und Identitätsprozeß von herausragender Bedeutung sind. Er braucht diese nicht erzähltechnisch zu begründen mit der Wesentlichkeit, Interessantheit der Teile für das Ganze der Erzählung4. So erscheinen die Sequenzen manchmal ohne Übergang, ohne epische Breite und Details, jedoch aber chronologisch aneinandergereiht. Z. B. wirkt Antonias Fluchtversuch unmotiviert, zumindestens unerwartet. Doch ist durch die personale Erzählsituation nur Simrock Innenperspektive gegönnt; die Welt erscheint durch seine alleinige Sicht mit sich selbst als Zentrum. Er kann die Entscheidungsprozesse Antonias vor der Flucht oder die der Schulbehörde bei seiner Suspendierung nicht wahrnehmen. Nur die Wirkungen auf sein Leben kann er thematisieren. Hinzu kommt, daß manche Ereignisse sich für Simrock etwas kafkaesk darbieten, aus seiner Sicht nicht erklärbar sind. Der stellvertretende Direktor zitiert ihn in sein Büro, ohne ihn aufzuklären, warum (53).

4-04 Für Manfred Durzak ist es eine bewußt einfach erzählte Geschichte “unter Verzicht auf alle literarische Stilisierung”: “kunstlos und bis zur schriftstellerischen Selbstaufgabe gehalten…”5 An anderer Stelle klingt es weniger verständnisvoll: “Beckers Roman wirkt modellhaft konstruiert…”6 Kann man die Kritik an der Abfolge der Ereignisse ohne Entwicklungstendenzen mit der personalen Erzählsituation, und die gestelzte Schriftsprache mit der Art und Weise des Simrockschen Reflektierens erklären, verhält es sich mit dem Vorwurf, “daß es die Themen sind, die berühren, nicht die Figuren”7 ganz anders. An gleicher Stelle heißt es, Simrock gerate zum “Demonstrationsobjekt mit beschränkter Haftung”, und viele seiner Sätze “bleiben Spruchbänder”. Ist die bestehende Gesellschaft der eigentliche Gegenstand des Romans und die Identitätssuche Simrocks lediglich das Vehikel zu ihrer Zustandsbeschreibung?

4-05 Informationen über Simrocks Kindheit, sein Elternhaus und dessen soziale Herkunft werden im Buch nicht gegeben. Der Leser erfährt nur, daß er im Kleinstadtmilieu aufwuchs und er seine Mutter “nicht ausstehen kann.” (44)

Bis tief in die Kindheit zurück fand er kaum angenehme Erinnerungen an seine Mutter, außer solchen, die mit Dienstleistungen zu tun hatten. Zum Greifen nahe dagegen waren Geschrei und Kälte, Auseinandersetzungen… (44)

Autoritäre Verhältnisse werden den Helden zu einem gewissen Grad geprägt haben. Seine Vergangenheit bezieht er jedenfalls nicht in den Prozeß der Identitätssuche mit ein, wohl wissend, daß er seiner Mutter Unrecht tut.

Manchmal nahm er sie vor sich selbst in Schutz, indem er sich vorwarf, sie immer nur als fertige Frau gesehen zu haben und nie als Wesen mit einer Geschichte, die zu erforschen er nie versucht hatte. Bei seinen Besuchen sprachen sie meist über Dinge, über die es keine Meinungsverschiedenheiten geben konnte. (45)

4-06 Im privaten Leben, hier besonders im Verhältnis zu seiner Mutter, verhält sich Simrock angepaßt, Autoritäten achtend - seien sie auch schon vom Sockel gestürzt. Der Leser kommt nicht umhin, sein Verhalten im Privatleben bei der Betrachtung von Simrocks “Konzept für den Neubeginn” (26) zu berücksichtigen. Wie es seine etwas pedantische Art ist, entwickelt er vor der Tat ein Programm. Die wichtigsten Schlagworte darin sind Standpunkte revidieren und verteidigen, Nichtübereinstimmung und Widerspruch, innere Grenzen und Ansichten (26f):

Sich so an einer öffentlichen Angelegenheit beteiligen, an der bisher beteiligt gewesen zu sein man in seinen ehrlichen Augenblicken nie recht geglaubt hat. (28)

Erst der letzte Satz im drei Seiten umfassenden Konzept für den Neubeginn erwähnt den Zweck der Selbsterkenntnis und Identitätssuche:

Seine Ansichten finden, endlich seine Ansichten aus dem großen Haufen von Ansichten herausfinden, um gelassen sagen zu können, wer man ist. (29)

Identität, wenn es sie für Simrock gibt, sucht er im Feld “öffentlicher Angelegenheiten” über einen “Standpunkt” unter der Gefahr der “Nichtübereinstimmung”. Eine Suche basierend auf rationalen Fragestellungen ausschließlich im öffentlichen Leben. Wichtig zu vermerken ist, daß Simrock sich der Gefahr aussetzt, ideologisch zu denken; von einer Idee ausgehend sein Handeln auszurichten und unterzuordnen.

Den Vorstoß zu dieser Grenze für wichtig halten, das Wichtigste überhaupt. Sich nicht aufhalten lassen durch den üblichen Vorwurf, von Eigenliebe und Selbstsucht getrieben zu sein. Vielmehr daran glauben, daß erst im Grenzgebiet geheimnisvoll die Kraft wächst… (28)

Indem der Held diese theoretischen und auch nachvollziehbaren Maßstäbe zu Beginn des Romans setzt, unterliegt er im folgenden der vorwiegend rationalen, kritischen Beobachtung des Lesers.

4-07 Simrocks erste Handlung ist die Trennung von seiner Familie und der Einzug bei seiner Mutter, was das Klischee der midlife crisis eher bestätigt. Noch vor der Aufstellung seines Konzeptes setzt er sich dem Verdacht aus, daß es ihm lediglich nach ein wenig Abwechslung giert.

Er dachte: In Wirklichkeit quält mich ja nicht, daß die Zahl der mir verbleibenden Jahre ständig abnimmt, sondern daß ich diese Jahre, wenn nichts Entscheidendes geschieht, auf eine so belanglose Weise verbringen werde. (25)

Zu seiner Frau Ruth sagt er bei seiner Trennung ähnliches. “Ich sage mir immer wieder, daß die Aussicht auf Unvorhergesehenes sehr gering ist. In unserer Ehe aber habe ich überhaupt keine Hoffnung.” (36) Zu einem klaren Bekenntnis, daß er nichts mehr für sie empfindet, ist er nicht fähig. Seine Frau, ebenfalls als Vernunftsmensch gezeichnet, hält ihm die aus ihrer Sicht wahren Gründe vor Augen: “Weil du so unglücklich darüber bist, daß sie dir in der Schule das Rückgrat gebrochen haben, trennst du dich von uns. Du hältst die Trennung für einen ersten Schritt … (39). Simrock ist fortan jeder Verantwortung für die Familie entbunden, ein eventuelles Alibi für falsche Rücksichten beseitigt.

4-08 Ein Echo auf seine Person bekommt Simrock beim Versuch, bei drei Bekannten wegen vorübergehender Unterkunft vorzusprechen. Vergeblich. Er zieht zum beiderseitigen praktischen Nutzen bei seiner Mutter ein. Durch die Reduzierung seines Privatlebens auf beinahe eine Hausmeisterstelle gilt seine ganze Aufmerksamkeit jetzt der Schule.

4-09 Zum 1. Mai erscheinen zur Demonstration nur neun Schüler aus seiner Klasse. Grund für den stellvertretenden Direktor Kabitzke, Simrock zum Rapport zu bestellen. Kabitzke sieht in Simrocks Hinweis auf die Freiwilligkeit der Teilnehme den Schülern gegenüber eine “Kampfansage” (54). In Eulenspiegelmanier antwortet er:

Wenn ich deine Worte richtig deute, dann befand ich mich jetzt in einem Irrtum. Zum nächsten Anlaß werde ich der Klasse sagen, die Teilnahme an Demonstrationen sei doch Pflicht, jeder habe entweder zu kommen oder eine Entschuldigung vorzulegen. Wenn es Rückfragen geben sollte, werde ich mich auf dich berufen. (54f)

So sieht Patricia A. Simpson Beckers Hauptanliegen in “problems of definition”, denn Simrock “probes the gap between theory and reality”8 .

In Schlaflose Tage, Becker´s use of understatement points to the exaggerations and hyperbole of official state rhetoric. In this novel, which derives its meaning from the interplay of irony and pathos, Becker raises questions about the quest for the truth in both semantic and epistemological sense. He focusses on the capacity of language to tell the truth and on the ability of realism, specifically Socialist Realism in literature, to represent that truth. Following the advice given by Brecht in his poem “Lob des Zweifels,” Becker´s central figure carefully examines the authenticity of his words in order to establish the measure of their truth.9

4-10 Als Simrock aus pragmatischen Erwägungen der Schulleitung einen Brief voller Halbwahrheiten schreibt, um eine Arbeitsgenehmigung für die Ferien zu erhalten, ist er sich dieser Halbwahrheiten bewußt. Er muß als grotesker Held vor dem Lehrerkollegium herhalten:

Eine grimmige Lust überkam ihn, sich zu melden und in das Wohlwollen hinein zu sagen, er ziehe seinen Antrag zurück, denn: er habe nur demonstrieren wollen, wie kinderleicht es sei, mit Gesten, die jedem zur Verfügung stünden, sich Anerkennung zu verschaffen und für einen guten Mann gehalten zu werden. (80)

Tatsächlich hätte eine spätere Krankschreibung oder eine andere Ausrede es bei einer “Geste” belassen können. Simrock, in dieser Frage noch abhängig von seinen Vorgesetzten, verschweigt seinen wahren Beweggründe. Aber noch ein anderes Problem wird in dieser Episode akut: wer ist der Adressat bei Simrocks Suche nach (oder gar Etablierung!?) der wahren Bedeutung der Wörter? Denn für Simpson ist klar, daß Simrocks Suche nach Identität dafür in den Hintergrund treten muß. Für sie ist er ein “representative character on an allogorical journey through the unstable middle ground between theory and practice…”10 Bei seinen Lehrerkollegen wird er für seinen Wunsch, in den Ferien als “Urlaub zur Weiterbildung (sic!) eine körperliche Arbeit zu tun” (76) kaum auf Verständnis, geschweige Bewunderung stoßen. Sie können nicht Adressat seiner Denkbemühungen sein. Auch nicht spätere Kollegen bei Simrocks späteren Eintritt in das physische Arbeitsleben. Seine naiven Vorstellungen von körperlicher Arbeit basieren auf den Darstellungen “landesüblicher Kunst” (95), wogegen Antonia, seine neue Lebensgefährtin, den Charakter von Arbeit schon nach ein paar Wochen Studentenarbeitseinsatz zu erfassen in der Lage ist. Wenn Becker also in seinem “understatement” (Simpson) dermaßen weit geht, kann man tatsächlich davon ausgehen, daß in erster Linie die verlogene SED-Rhetorik im Mittelpunkt des Interesses, des Bloßstellens steht.

4-11 An einer Stelle läßt Becker seinen Protagonisten sich (in beabsichtigter Untertreibung?) folgendermaßen charakterisieren:

Dann … überfiel ihn der Verdacht, sein ganzes Unglück ergebe sich aus einer kläglichen Meinungslosigkeit. Sooft er in die Situation gekommen war, eine Meinung vorzutragen, habe er stets, so mußte er denken, die von den anderen erwartete gewählt. So hatte er mit der Zeit die Fähigkeit verloren, eigene Meinungen zu bilden. (65)

In Loests Es geht seinen Gang… wirft der ältere Genosse Huppel dem Helden Wülff vor, ein Spießer zu sein. Wülf denkt sich “Immer mach dir deine Theorien. Und ich mach mir meine.” (213) Wülff ist, wie alle durchschnittlich begabten und im Leben stehenden Menschen in der Lage, sich über fast alle Erscheinungen eine Meinung zu bilden. Die Frage für ihn ist lediglich, ob er sie immer laut aussprechen sollte. Wenn Simrock selbst die Eigenschaft der Meinungsbildung abhanden gekommen war, dann war er der Einschätzung von Hans-Joachim Maaz nach der ideale Lehrer:

Wir Ärzte und Psychologen sind … oft schuldig geworden, nicht genügend eingeklagt zu haben, daß das System der Volksbildung durch und durch krank und deformierend war, und zwar für Schüler und Lehrer, und daß bereits häufig die Zulassung zum Lehrerstudium besonders labile Menschen bevorzugte, die unsicher und eingeschüchtert waren, so daß sie dem System als staatstreue und ergebene Diener zum Vorbild für den Nachwuchs geeignet erschien.11

Auf den Versuch der Schulrätin am Ende des Buches, Simrock in einem Ritual der Selbstkritik jegliche Selbstachtung zu nehmen, antwortet letzterer: “Wie können Sie sich einen Lehrer wünschen, der auf solche Angebote einzugehen bereit ist?” (156) Simrock hat die o. g. Praxis der Volksbildung durchschaut und verweigert sich ihr.

4-12 Thomas Bremer schrieb 1978, daß man

nicht so tun dürfe, als gäbe es all dies in der Bundesrepublik nicht; das Gedicht dürfte vielleicht nicht von Brecht, es müßte halt von Erich Fried stammen… . Was ich damit sagen will, ist: es ist eigentlich nicht so, daß Simrock mit dem Sozialismus kollidiert, auch nicht mit dessen »real existierender Deformation«. Simrock kollidiert vielmehr mit einem idealistischen Programm an der Wirklichkeit, und dies allerdings (in bezug auf seinen Unterricht, nicht auf die Republikflucht natürlich) könnte ihm in beiden deutschen Staaten passieren.12

Es ist in der Tat ein idealistisches Programm, daß ihn in jeder schulischen Wirklichkeit scheitern ließe. Doch auch Karl Simrock scheitert beim Handeln selbst an seinem hohen theoretischen Anspruch. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis klafft bei ihm ebenso weit wie beim sozialistischen Staat.

4-13 Simrock schreibt sich selbst ein Memorandum, in dem er theoretisch die Eigenschaften eines guten Lehrers fixiert. Zu dieser Zeit wohnt er bei seiner Mutter und reicht so, bewußt oder unbewußt, eine praktische, gelebte Interpretation seiner Lehrer-Theoreme nach. Diese vorgelebte Interpretation soll hier der Besprechung seiner Ideen zum besseren Verstehen vorangestellt werden.

Seine Mutter klopfte und rief die Zeit ins Zimmer. Simrock nahm sich vor, die kommenden Verrichtungen ehrlich zu tun, ohne sich zu verstellen, und schon beim Unwichtigen anzufangen. Es gelang ihm auch, die Mutter in der Küche so zu begrüßen, daß ihr kein Unterschied zu anderen Morgen auffiel. (62)

Für den Leser in seiner kritischen Distanz ist der Widerspruch innerhalb dieses Abschnitts offensichtlich. Es handelt sich um das bekannte “Sei spontan!”-Paradoxon. In dem Moment, wo Simrock sich vornimmt, authentisch und spontan zu handeln, kann er es schon nicht mehr.

4-14 Thomas Bremer schreibt: “Wo Simrock Brechts Gedicht vom “Lob des Zweifels” behandelt und für seine Schüler, mit einem Ausdruck Adornos, eine Erziehung zur Mündigkeit erreichen will, da stößt er auf jenen Sozialismus, dem Nachdenken fremd geblieben ist.” Dass es nicht ausschließlich der Sozialismus ist, woran Simrock scheitert, wurde schon erwähnt. Bremer vernachlässigt nur die Gründe, warum dem so ist. Erziehung ist in ihrem Wesen autoritär. Ein Stärkerer hat die Macht, den Schwächeren zu erziehen. So weisen Erwachsene die Erziehungsversuche anderer Erwachsener brüskiert zurück, da sie sie als demütigend empfinden müssen. Kinder dagegen werden generell als erziehungsbedürftig eingestuft, seien sie (z.B. im Gegensatz zu einem brutalen, betrunkenen Erwachsenen) auch noch so vernünftig. Erst einmal in die Position des Schwächeren gesetzt (Entmündigung), folgt die Erziehung zur Mündigkeit. Doch auch das ist ein einfaches Paradoxon: “Sei mündig!” oder “Sei autonom!” kann nicht funktionieren. Es gibt keine ‘Erziehung zur Mündigkeit’. Die Mündigkeit und Autonomie kann einem nur ge- oder verwehrt werden. Die Problematik soll hier nur angerissen werden, doch ist sie wichtig, da sie eine Ursache von Simrocks eigener Divergenz von Wort und Tat darstellt.

4-15 Simrock schreibt sich neun Eigenschaften eines guten Lehrers auf. Vier von ihnen haben herausragende Bedeutung. Zwei der Theoreme sind in ihrer Bedeutung und Konsequenz gleich:

4. Er muß sich den Kindern verantwortlich fühlen, mehr als der Schulbehörde. Über den vielgebrauchten Satz, die Schule sei dazu da, die Kinder aufs Leben vor-zubereiten, darf er nicht vergessen, daß die Gegenwart ja schon das Leben der Kinder ist. Daß sie schließlich nicht Tote sind, die erst zum Leben erweckt werden müssen. (58)

7. Er muß neugierig auf die verschiedenen Anlagen der Kinder sein, er muß sie erkennen wollen. Er darf nicht ein fertiges Kind im Kopf haben, an das er alle heranführen will, gebrochen und gleich. (59)

Simrock ist bereit, die Kinder sofort zu akzeptieren, so wie sie sind. Er entledigt sich des pädagogischen Denkens, wonach er sich bei jedem Wort und jeder Tat Gedanken machen muß, wie diese einmal wirken könnten in ein paar Jahren! Er ist bereit, sich den Kindern gegenüber so zu benehmen wie zu Erwachsenen: spontan und authentisch. Für ihn sind die Kinder nicht mehr Erziehungsobjekte, die an “ein fertiges Kind im Kopf” herangeführt werden sollen. Mit anderen Worten, er lehnt den Erziehungsauftrag, wie er auch heute noch festgeschrieben ist, ab. Für ihn gilt es nur noch, Menschlichkeit und Solidarität vorzuleben, als Angebot zur Nachahmung.

4-16 Schon kurz vor seinem Memorandum erwähnt er, daß der Bildungsauftrag im Mittelpunkt steht.

Simrock ging davon aus, daß man sich zueinander in einer Art Arbeitsverhältnis befand, dessen Wirksamkeit einzig daran bemessen werden konnte, wie viele der Lehrsätze sich in den Kinderköpfen einnisteten. (56)

Doch ist Simrock schon zu lange Pädagoge, als daß er das pädagogische Denken so schnell abschütteln könnte. Eines Tages erscheint ein NVA-Offizier in der Klasse, “der sich bereit gefunden hatte, auf Schülerfragen zu antworten.” (137) Beckers Ironie erfährt nicht nur durch die Tatsache, daß die Schüler gar keine Fragen stellen, eine Steigerung. Auch so wäre die Anmaßung durch Beckers trockenem “understatement” (Simpson) bloßgestellt. Simrock macht sich über die Schweigsamkeit seiner Schüler Vorwürfe:

… es war nicht zuletzt die Schuld seiner Erziehung, daß die Kinder in einem so wichtigen Moment schwiegen. Dies sei, dachte er, in wenigen Sekunden natürlich nicht aus der Welt zu schaffen, doch könne er die Folgen ein wenig mildern, indem er selbst die Fragen stelle… (138f)

Hier ist Simrock wieder ganz Pädagoge, der sich für das (Nicht)Handeln seiner Schüler verantwortlich fühlt, als ob er sie in irgend einer Weise (seiner) formen könnte. Becker geht hier wieder vom Lehrerbild des “Schaffens am Menschen” von Anna Seghers13 aus. Sein Simrock leidet an einer Selbstüberschätzung seines Berufstandes. Man mag sich über die staatstragende Funktion des Lehrers streiten wie man will, in der DDR sind trotzdem nicht alle Kinder Kommunisten geworden… Diese Überschätzung der Funktion des Lehrers in der DDR wird für Simrock auf groteske Weise wirksam:

Ein entlassener Lehrer war ein möglicher Unruhestifter, der am wirkungsvollsten dadurch unschädlich zu machen war, daß man ihn in den Schulbetrieb zurückführte. (155)

Wie die “Unschädlichkeit” u. a. funktioniert, entblößt Simrock, indem er seinen Vorgesetzten Kabitzke beim Wort nimmt. Er gibt Kabitzke gegenüber vor, sich im Ministerium über seine eben ausgesprochene Kündigung zu beschweren mit dem Hinweis, daß sein Vorgesetzter Kabitzke ebenso denkt. Letzterer würde seine Kündigung riskieren, und jammert. Diese Szene zeigt, daß die Kinder nur das letzte Glied in einer Kette sind, der Lehrer ist ebenfalls nicht frei im Handeln.

4-17 Aber selbst gegenüber Antonia vergißt Simrock seine Theorien. In der Praxis ist er noch nicht bereit, auf Erziehung zu verzichten. Genauer: Antonia so zu akzeptieren, wie sie ist.

Während Antonia neben ihm in dem engen Bett schlief, spürte er eine missionarische Vorfreude bei dem Gedanken, sie zu verwandeln. Er dachte: Ich werde noch viel an ihr finden, das ich ändern möchte, und das ist eine gute Aussicht. (75)

4-18 Simrock erwähnt eine weitere Eigenschaft eines guten Lehrers, nämlich “gespielte Anteilnahme ist schlimmer als eingestandene Interesselosigkeit, denn sie verführt Kinder zu Offenbarungen vor verschlossenen Ohren… “ (58). Seiner Tochter Leonie gegenüber hatte er des öfteren nicht diese gute Eigenschaft… (s. S. 28).

4-19 Sein letztes Theorem unterstreicht die Unmöglichkeit einer Durchsetzung seiner Ideen:

9. Sich selbst darf er über keine Auseinandersetzung stellen, also auch nicht über den Zweifel. Er hat gewonnen, wenn die Kinder ihn akzeptieren, obwohl sie ihn ungestraft ablehnen können. (59)

Es ist ein Bekenntnis zur partnerschaftlichen Arbeit. Die eventuelle Ablehnung der Kinder wird sich innerhalb der Institution Schule wohl in Grenzen halten. Simrock will dieses Konzept mit den Schülern nach dem Unterricht besprechen, will sie fragen, wie sie den Unterricht wollen und wie nicht. Keiner der Schüler erscheint (vgl. 121). Er wird auch in den Schülern keine Verbündeten für seine Ideen finden. Simrock will Freiheit ‘verordnen’. Doch Freiheit kann man nicht geben, sondern man kann sie bei anderen nur achten und respektieren; und sich selbst kann man sie nur nehmen. “Seid frei!” heißt für die Schüler wieder nur, einen Befehl zu befolgen, und schon sind sie nicht mehr frei. Hinzu kommt, dass die Schüler mit der neuen äußeren Freiheit, der Selbständigkeit im Handeln, nicht mehr selbstverantwortlich umgehen können, weil sie schon sehr früh in ihrer inneren Entscheidungsfreiheit beschnitten wurden. Verlangen sie nun indirekt nach Autoritäten, heißt das nichts anderes, als daß sie bereits einen autoritären Charakter haben, nicht mehr in demokratischen Dimensionen denken können.

4-20 Simrock hatte vor den Sommerferien Brechts Gedicht Lob des Zweifels behandelt. Bald sieht er sich mit dem Petzbrief eines Vaters konfrontiert. Dieser steht unverhohlen zu seinen Besitzansprüchen gegenüber seinem Sohn: “Wenn Herr Simrock seine Theorien unbedingt ausprobieren will, dann soll er das an seinen eigenen Kindern tun, aber nicht an unseren.” (117) Auch in Görlichs Eine Anzeige in der Zeitung (1978) bekommt ein denunziatorischer Brief an den Schuldirektor eine wichtige Bedeutung. Das Umfeld der Schule scheint für Denunziation sehr anfällig zu sein. Zensuren müssen wohl sein, kommt aber nicht das Beharren der Schule auf eine Unterschrift der Eltern nicht einer Denunziation gleich? Verpetzte nicht auch der Schüler Simrock beim Vater? Petzerei ist sicheres Symptom für Mißtrauen und fehlender Eigenverantwortlichkeit aller Beteiligten an der Institution Schule.

4-21 Simrock scheitert “als guter Lehrer” im Schuldienst. Beim Entlassungsgespräch mit der Schulrätin muß er erkennen, dass eine Stellungnahme seinerseits unnötig ist:

Simrock gingen verschiedene Bemerkungen durch den Sinn, ironische, grobe und eine sachliche. Bevor er sich jedoch entscheiden konnte, glaubte er, jede Diskussion sei sinnlos, weil die Schulrätin als eine festgelegte Person vor ihm saß… Er sagte: »Selbst wenn ich sie davon überzeugen würde, daß die Anschuldigungen gegen mich aus der Luft gegriffen sind, könnten sie meine Entlassung nicht mehr rückgängig machen.« (144)

Kommunikation ist nicht mehr möglich, die Entscheidungen sind längst gefällt. Hier muß Simrock spüren, wie es ist, wenn der Gegenüber, der Partner nicht mehr in die Problemlösung mit einbezogen wird, ein Meinungsaustausch nicht mehr stattfindet. Es war einmal umgekehrt: Simrock wollte bei der Trennung von seiner Frau deren Meinung hören. Die Sinnlosigkeit von Worten spürend antwortete Ruth: “Das ist praktisch ohne Bedeutung. Am Ende setzt sich immer der durch, der die Pistole in der Hand hält.” (38)

4-22 Simrock geht von sich aus als Sozialist, der sich “eine innigere Beziehung zum Kommunismus wünscht” (66). Er sagt zu Antonia, die ohne Politik sehr gut zu Recht kommt:

»Davon, wie Sozialismus um uns herum betrieben wird, sollte sich ein gescheiter Sozialist nicht abhalten lassen.« (74)

Klaus Höpke äußerte sich auf der Leipziger Buchmesse 1978, wo Sängerin Gisela May zur Eröffnung Brechts Lob des Lernens zum Vortrage brachte, ablehnend zu Beckers Buch14. Er hielt sich wohl für einen “Betreiber” und war in der Lage, den Umkehrschluß zu ziehen. Antonia erwidert Simrock, sie sei “nur ein gescheiter Mensch” und ihre “Interesselosigkeit ist die einzige Methode, sich zu schützen.” (74) Interesselosigkeit heißt bei ihr, daß sie erfahren mußte, was eintritt, wenn man die “falschen Meinungen laut vertritt”. Ihre Interesselosigkeit in politischen, also indirekt beruflichen Dingen, ist aktiver Natur und nicht resignierender Art wie die Wülffs und seiner Mitmenschen aus dem Leipziger Osten. Im Gegensatz zu Heins Ärztin Claudia verschließt sie sich aber nur dem politisierten öffentlichen Leben. Sie träumt sich eine Gesellschaft mit “genügend Inseln der Abgeschiedenheit”:

In der hiesigen Gesellschaft aber seien solche Inseln für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar, und der tägliche Zwang des Miteinanderverkehren-Müssens sei die traurige Regel. (74)

Mit Simrock, so muß der Leser annehmen, ist sie gern zusammen. Ausgerechnet Antonia flößt Simrock bei dessen Entblößungsfeldzug gegen die Scheinheiligkeit der Worte Kraft ein. Mit ihrem im wahrsten Sinne des Wortes spontanen “Grenzübertritt” in Ungarn und ihrer anschließenden Haftstrafe bestärkt sie Simrock, bis zu seinen inneren Grenzen (vgl. 28) vorzustoßen. Letzterer hat im Zusammenhang mit Antonias Verurteilung genug Bekanntschaft mit kafkaesken Uniformierten gemacht15 , so daß es ihm eine Freude ist, in der Deutschstunde anstelle von Heinrich Manns Untertanen einen NVA-Offizier vorzuführen. Die Demontage des Offiziers führt zu Simrocks Entlassung, nachdem dieser, anstelle zu argumentieren, Simrock bei der Schulleitung denunziert hatte.

4-23 Ein weiterer Mensch ist in der Lage, Simrock Mut und Lust aufs Leben zu spenden: sein Arbeitskollege Boris aus der Brotfabrik, wo Simrock in den Ferien arbeitete und den er nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst wieder aufsucht. Boris ist genauso wie Antonia bereit, Simrock so zu akzeptieren, wie er ist. Er stellt keine unnötigen Fragen, warum Simrock da ist usw.. Obwohl Simrock es ihm manchmal schwer macht. So versucht er, Boris von der Richtigkeit der “Selbstverpflichtungen” zu überzeugen. Boris reagiert spontan und in seinen Worten deftig: “er möge ihn in aller Freundschaft am Arsch lecken.” (100). Dennoch droht er nicht mit “Liebesentzug” (28), wie von Simrock vor seinem Konzept befürchtet. Simrock macht die Erfahrung, daß “Liebesentzug” nur von autoritären Charakteren und Behörden ausgeht, aber nicht von Menschen, die ihn gleichberechtigt akzeptieren und vorbehaltlos mögen und lieben. Simrock entdeckt an sich selbst gegenüber Boris seine Gefühle:

Daß ich ihn mag, hat nichts damit zu tun, daß ich mir vorgenommen habe, Arbeiter zu mögen. (97)

Dieses Bewußtsein könnte für den Helden der Anfang vom Ende seines ideologischen Denkens sein. Vielleicht wird er sich zuerst Antonia und Boris gegenüber authentisch und spontan verhalten, ohne vorgefertigte Idee, wie es sein Konzept zum Vormarsch an innere Grenzen war.

4-24 Ein Bild über körperliche Arbeit hat er sich selbst gemacht und vertraut ihm mehr als das der “landesüblichen Kunst”. Zum Ende muß Simrock sehen, daß seine Lage ihm vorkommt “wie das Resultat von Umständen, die außerhalb seiner Verantwortung lagen…” Es stört ihn an der “Zwangsläufigkeit seiner Handlungen das Schicksalhafte” (157). Wenn Jürgen Wallmann16 schreibt, daß der einzelne nur zählt, wenn er seine Identität an die Prinzipien des Sozialismus abtritt, könnte man sagen, Simrock hat die seine bewahrt. Bewahrt für den ‘wahren Sozialismus’? Ganz gleich, für Simrock war der soziale Abstieg “ein Gewinn”:

Den größten Ekel hat mir wahrscheinlich gemacht, daß ich mich nie gewehrt habe. Ich habe getan, dachte er, als sei es nicht meine Sache, mich gegen Bevormundung und Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Und das bedeutet: Ich habe mich nicht zuständig gefühlt für mich selbst. (157)

Simrock hat seine Identität nach einem langen Desillusionierungsprozeß gefunden, der Leser muß es ihm glauben. Daß diese Desillusionierung nicht nur dem “betriebenen Sozialismus” geschuldet ist, zeigen die fernbleibenden Kinder auf seine Verbesserungsvorschläge für den Unterricht an. Hier scheitert er mit einem idealistischen Programm an der (Schul)Wirklichkeit.

4-25 Simrock neigt zu einer Trennung von öffentlichen und privaten Leben. Sein Bestreben, identisch mit sich selbst zu sein, bleibt ausschließlich “auf öffentliche Angelegenheiten” beschränkt. Zudem denkt er stark in ideologischen Dimensionen, geht zu sehr von Ideen aus, auch wenn sie noch so gut gemeint sind. ‘Ideologisch denken’ meint hier das Setzen einer Idee über alles andere. Vergleichbar wäre dieses Denken mit der Einführung der heutigen Gesamtschule, dessen Idee es war, allen Kindern gleiche Bildungschancen zu bieten. Es blieb bei einer (gutgemeinten) Ideologie, da sie sich um die Praxis der Kinder nicht kümmerte.

4-26 Antonia und Boris können Garant dafür sein, daß Simrock zu einer individuellen Humanität findet. Ohne sie hatte er noch Schwierigkeiten, sich im Arbeitsleben als Brotlieferant zurechtzufinden. Der Roman kann nur deshalb ‘funktionieren’, weil Becker dem Leser in Simrock einen Protagonisten vorstellt, der sich “nicht mehr an seine Ideale als Student erinnert” (57), der es sogar zur völligen “Meinungslosigkeit” (sic!) gebracht hatte. Ein Mensch mit diesen Voraussetzungen muß unweigerlich die Rebellion gegen staatliche und behördliche Bevormundung als identitätsstiftend betrachten. Wülff, der in einer weniger autoritären Umgebung groß wurde, ist darauf nicht angewiesen. Für ihn zählen andere Werte. Mögen diese im Urteil des Lesers auch noch so umstritten sein: Wülff ist nie in die Nähe gerückt, als Protagonist zu einem “Demonstrationsobjekt mit beschränkter Haftung”17 reduziert zu werden.

4-27 Klaus Höpke schrieb in einem Beitrag zu Günter Görlichs im selben Jahr erschienenen Roman Eine Anzeige in der Zeitung:

Es geht um die Offenheit im Aussprechen eigener Freuden und Sorgen, Urteile und Ansichten, die den Kommunisten von jeher eigen ist. Es geht um die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, deren weitere Durchsetzung in der Gesellschaft einer der Grundprozesse menschlichen Zusammenlebens im realen Sozialismus ist.18

Autor und Anlaß entlarven sich selbst. Offen bleibt, ob Simrock erkennt, daß für o.g. Eigenschaften jedermann selbst verantwortlich ist, egal in welcher Gesellschaft er lebt. Jeder selbst bestimmt in ihr das Maß an Solidarität und Mitmenschlichkeit, keine Ideologie oder gar Utopie.

1 Becker, Jurek: Schlaflose Tage, Frankfurt a. M. 1994 (suhrkamp taschenbuch 626), alle Zitate folgen dieser Ausgabe
2 Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens, Göttingen 1995, S. 197
3 ebd. S. 205
4 vgl. ebd. S. 207
5 Durzak, Manfred: Der deutsche Roman der Gegenwart, Stuttgart u.a. 1979, S. 423
6 Grunenberg, Antonia: Aufbruch der inneren Mauer. Politik und Kultur in der DDR 1971-1990, Bremen 1990, S. 170 
7 Lüdke-Haertel, S./ Töteberg, M.: Jurek Becker. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Hrsg. Heinz Ludwig Arnold. München 1978ff, S. 6
8 Simpson, Patricia A.: The Production of Meaning in Jurek Becker´s Schlaflose Tage. In: Seminar: A Journal of Germanic Studies, Vol. 27, Number 2, May 1991, S. 160 u. 166
9 Simpson, Patricia A.: The Production of Meaning in Jurek Becker´s Schlaflose Tage. In: Seminar: A Journal of Germanic Studies, Vol. 27, Number 2, May 1991, S. 160 u. 166
10 ebd. S. 166
11 Maaz, Hans Joachim: Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR. München 1992, S. 27
12 Bremer, Thomas: Roman eines Störenfrieds. In: Neue Rundschau, 89. Jg, H.3/1978, S. 476
13 Schachtsiek-Freitag, Norbert: »Ich werde unbequem sein müssen« Lehrerporträts in neuerer DDR-Prosa. In: Die DDR-Gesellschaft im Spiegel ihrer Literatur, Gisela Helwig (Hrg), Köln 1986, S. 114
14 vgl. Wallmann, Jürgen P.: Zur Leipziger Buchmesse 1978. In: Deutschland-Archiv, H.4/1978, Köln 1978, S. 344
15 zu inhaltlichen und formellen Parallelen mit Kafka siehe: Wieczorek, John P.: Irreführung durch Erzählperspektive? The East German Novels of Jurek Becker. In: The Modern Language Review, Vol. 85, Part 3, July 1990
16 vgl. Jürgen Wallmann, J. Becker: Schlaflose Tage, Neue Deutsche Hefte, Jg. 25, H.1/1978
17 Lüdke, W. Martin: Demonstrationsobjekt mit beschränkter Haftung. In: Frankfurter Rundschau, 27. 5. 1978
18 Höpke, Klaus: Günter Görlich: Eine Anzeige in der Zeitung. In: Kritik ´78 - Rezensionen zur DDR-Literatur, Halle Leipzig 1979, S. 39